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Aktuelles | El-Kothany, Helga | 08.10.2026
September-Stammtisch: Zwischen Heimaten
Auf Bessarabiens Ahnenspuren - Viktor Fritz
Wie die Vögel im Frühling wiederkehrend aus Süden
Erfreut ihre Heimat besuchen,
So besuche auch ich immer wieder und wieder
Dich, mein Schatz, meiner Vorfahren Land. .................
Das Leben geht oft seltsame Wege. Dass Katharina Jesser aus Heilbronn auf Wurzeln in Güglingen stößt, hätte sie, als sie anfängt, sich mit ihrer Familiengeschichte zu beschäftigen, wohl kaum gedacht.
Beim September-Stammtisch des Zabergäuvereins in der Güglinger Weinsteige berichtet sie vor vielen interessierten Zuhörern, darunter einige mit ähnlichen Familiengeschichten, über „Zwischen Heimaten - Auf den Spuren der Familie Jesser - Vom Zabergäu nach Bergdorf, durch den Krieg und Sibirien zurück nach Deutschland“. Es ist eine emotionale Reise, auf die die knapp Vierzigjährige ihr Publikum mitnimmt.
Carl Friedrich Jesser, 1805 in Güglingen geboren, wandert 1833 mit Familie nach Südrussland aus, worüber es im Evangelischen Landesarchiv einen Kirchenbucheintrag aus Güglingen gibt.
Die neue Heimat ist Bergdorf, das heutige Colosova in Transnistrien/Moldawien.
Wurde die einstige Heimat noch freiwillig aufgegeben, muss die neue Heimat im Zweiten Weltkrieg unter Zwang verlassen werden. Carl Friedrichs Sohn Gottfried mit Ehefrau Elisabeth und 6 Kindern, darunter Katharina Jessers Opa Ferdinand, damals 9 Jahre alt, wird deportiert. Sie kommen in den Warthegau im heutigen Polen. Gottlieb wird eingebürgert und muss zur deutschen Wehrmacht, zur SS. Er kämpft an der Westfront, wo er in amerikanische Gefangenschaft gerät. Er wird an die Sowjets übergeben, die ihn in ein Straf- und Arbeitslager nach Magadan schicken.
Seine Frau hätte in Deutschland bleiben können, doch ihre Heimat ist Bergdorf. Die Rückkehr dorthin ist jedoch nicht möglich. Stattdessen wird die Familie nach Sibirien verschleppt und muss dort ein neues Leben aufbauen. Gottlieb überlebt das Arbeitslager und kehrt zu seiner Familie zurück.
Katharina, in Sibirien geboren, wandert mit ihrer Familie 1993 nach Deutschland aus. Sie ist 7 Jahre alt, eine „Mitgebrachte“, wie man die Kinder der Spätaussiedler nennt, die eben „mitgebracht“ werden. Als sie den Zuhörern das letzte Familienbild zeigt, das vor der Abreise aufgenommen wurde, muss sie gegen Tränen ankämpfen. Eine Heimat zurücklassen, ist immer schmerzhaft. Der Grund für die Ausreise ist eine dringende Operation der Großmutter, die in Russland nicht möglich war.
Die Familie weiß zu dem Zeitpunkt nicht, dass die Vorfahren aus Güglingen stammen. Doch da sie Verwandte im Heilbronner Raum hat, kann sie hierher ziehen und hier ein neues Leben beginnen.
Als Katharina Jesser vor rund 10 Jahren mit der Spurensuche beginnt, steht jedoch bald ein Ort fest: Güglingen. Bei einem Besuch im Römermuseum kommt sie mit einigen Frauen ins Gespräch und erfährt, dass hier viele Jesser heißen.
„Ich war zurück an dem Ort, von dem meine Vorfahren aufgebrochen waren.“
Über das Bundesarchiv in Berlin findet sie Dokumente über Kriegsgefangene, aber sie möchte Bergdorf kennenlernen. 2024 erfolgt die erste Reise dorthin.
Den Erzählungen folgt ein Film, der auf der Reise entstand, „Zwischen Heimaten, 20-minütiger Film über die Spurensuche durch Deutschland, Sibirien und Bessarabien“, und der einen Eindruck von der Region um Bergdorf vermittelt.
Sie reist auch ein zweites Mal hin, trifft auf einen Mann, der viele Familien kannte, der ihr viel erzählt und viel zeigt. Sie begegnet Menschen, die die Jessers kannten. Die Familie hatte dort schließlich über 100 Jahre gelebt. Nun hat sie in dem Ort Freundschaften geschlossen.
Der Film endet mit einer Erkenntnis: Vielleicht ist das auch das Schönste an Familiengeschichte: Dass wir manchmal erst aufbrechen müssen um herauszufinden, wo wir eigentlich herkommen.“
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Katharina Jesser, Uli Peter

