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Aktuelles | El-Kothany, Helga | 09.03.2020

März-Stammtisch: Bönnigheim unterm Hakenkreuz

Den Vortrag im mit 35 Teilnehmern voll besetzten Raum in der Weinsteige begann Kurt Sartorius mit einem Beispiel aus seiner Rekrutenzeit 1969: Ein ehemaliger Mitschüler, den er regelmäßig hatte abschreiben lassen, sagte zu ihm: „Für Sie bin ich der Herr Unteroffizier“.

Zu Anfang, 1933, war die Begeisterung der Bevölkerung groß: Aufmärsche und Umzüge mit Uniformen, Ortsgruppenleiter und Landjäger voran, jedes Haus musste Hakenkreuzfahnen aufhängen. Mitglieder der kirchlichen Jugend wurden aufgefordert, zur Hitlerjugend (HJ) und zum BdM (Bund deutscher Mädchen)  zu kommen. In der Villa Amann wurde ein Schulungszentrum für  BdM-Leiterinnen eingerichtet.

Sehr schnell zeigte sich  auch die repressive Seite: Der gewählte Bürgermeister Zipperle wurde 1934 abgesetzt, weil er die württembergische Fahne aufhängen ließ. NS-Bürgermeister Henne ersetzte ihn.  Einer Familie, die mit einem Freudentaler Juden Handel trieb, wurde die Wasserleitung zum Haus versagt, und sie wurde als „Judenknechte“ in der Zeitung mit Drohungen gebrandmarkt. Bürger Z., der bei der Mobilmachung 1939 Zweifel äußerte, wurde angezeigt, festgenommen und im Viehwagen im Kreis gefahren. Er musste 2000 Reichsmark Strafe zahlen. Zum Vergleich: Ein Haus kostete damals 7000 Reichsmark. Karl H. hatte seinen Ausweis an einen Juden verkauft und wurde 1943 hingerichtet. Karl P. wurde 1944 Opfer der Euthanasie, was seine Mutter in den Wahnsinn trieb. Apotheker K., dessen Frau Halbjüdin war, musste 1941 die Apotheke aufgeben und überlebte in München.

Zwangsarbeiter der Firma. Amann bekamen im Ochsen das Mittagessen. Kriegsgefangene aus Osteuropa wurden nach Anzeigen vom Aufseher geschlagen und wurden nachts  in der Turnhalle eingesperrt.

Anfang April 1945 kam der Krieg nach Bönnigheim: Der Bürgermeister drohte dem Volkssturm mit Erschießen, falls er nicht kämpfte. Er setzte sich als Erster ab.  Von den französischen Streitkräften wurden zunächst die beiden Türme beschossen, dann auch weitere Häuser. Nach dem Einrücken der Franzosen folgte der Beschuss durch die deutsche Artillerie von Kirchheim aus, dem Häuser, Vieh und Menschen zum Opfer fielen. Auf dem Soldatenfriedhof, der später nach Frankreich verlegt wurde, lagen 82 marokkanische Soldaten. In einem durch französische Soldaten verwüsteten Haus, das vorher von einer deutschen Militärabteilung belegt war, wurde in Französisch an die Schlafzimmerwand geschrieben:  „Verflucht sei die SS. Jedem das Seine. Beklagt euch nicht, denn glücklicherweise sind wir nicht von derselben Rasse wie diejenigen, welche die Kinder an die Türen der Kirchen nageln, wie ich es selbst gesehen habe…Erinnert Euch an Oradour sur Glane in Haute- Vienne“.

Auf dem Friedhof steht das Denkmal für die Opfer der Kriegsereignisse vom 7. April 1945.    fl