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Aktuelles | El-Kothany, Helga | 09.10.2020

Oktober-Stammtisch: Lebenatmend und traurigfroh

Anschauliche Einführung in die Ära Hölderlin in Lauffen und das Leben des Dichters


Beim Stammtisch des Zabergäuvereins am letzten Mittwoch in der Güglinger Weinsteige gab es aus Hygienegründen zwar gar keine Tische, sondern nur aufgereihte Stühle. Dafür erfuhren die Gäste von Eva Ehrenfeld, Geschäftsführerin der Hölderlingesellschaft Tübingen und Leiterin des Hölderlinhauses Lauffen, in einem ausführlichen Vortrag mit vielen Bildern Interessantes über die Familie Friedrich Hölderlins und ihn selbst.
Die Ära der Familie Hölderlin in Lauffen beginnt 1730 mit Friedrichs Großeltern. Sein Großvater übernimmt die Stelle als Klosterhofverwalter, die auf den in Lauffen geborenen Sohn und Vater Friedrichs übergeht. Ein Leben, „eingebettet in schwäbische Ehrbarkeit.“
Am 20. März 1770 wird Friedrich als lang ersehnter Stammhalter nach vier Jahren Ehe geboren – als Sohn eines weltoffenen, großzügigen Vaters, eines Juristen, und einer als eher geizig geltenden Mutter. Bereits 1772 stirbt der Vater an den Folgen eines Schlaganfalls. Mit der Wiederverheiratung der jungen Witwe mit drei kleinen Kindern endet die Ära Hölderlin in Lauffen. 1774 zieht sie mit Johann Gock – Friedrich nennt ihn seinen „zweiten Vater“ – nach Nürtingen.
Viel ist über den Dichter geschrieben worden und wird immer noch geschrieben. Sein Verhältnis zur Mutter, die ihn in einer Art psychischer Abhängigkeit hält und sich eine andere Lebensgestaltung ihres Sohnes erhofft, Pfarrer statt Dichter, regt zu Spekulationen und Interpretationen an.
Viele Briefe Friedrichs an die Mutter sind erhalten, nur einer von ihr an den Sohn. Was sie ihm schreibt, kann teilweise aus seinen Antworten erschlossen werden.
Mit 36 Jahren kommt der körperlich robuste, aber wohl psychisch kranke Dichter in den Turm in Tübingen. Besucht hat die Mutter ihn dort nie.
Viel ist in Lauffen nicht übrig vom großen Sohn. Die vier Zeilen aus seinem Gedicht „Der Wanderer“ an seiner Gedenkstätte im Klosterhof, gestiftet von schwäbischen Literaten, über eine blühende Weinlandschaft, die so gut zu Lauffen passt, beschreibt eine Gegend am Rhein.
Das Kunstwerk im Kreisel von Bildhauer Peter Lenk zeigt Hölderlin auf einer Schreibfeder sitzend. Nietzsche, auf dem Fahrrad, hat sich intensiv mit dem Dichter beschäftigt und Widersprüchliches in ihm entdeckt, Positives und Wildes, Dionysisches in seinen Werken.
Ein neues, von Heinz-Dieter Schunk gestiftetes Porträt Hölderlins zeigt einen schönen jungen Mann. Es sei eher eine Interpretation, so Eva Ehrenfeld, die ausdrücke: „Ich will etwas bewirken.“ Hölderlin habe die Welt durch sein Werk besser machen wollen. Wie er aussah, weiß man nicht. Laut seiner Familie keineswegs so wie auf dem bekannten Porträt.
Das Hölderlinhaus lässt den Dichter, Schöpfer vieler Neologismen, zum Besucher sprechen und zeigt viele Facetten seiner Persönlichkeit in seinen Briefen, Gedichten, Texten.
Zuhörer Hermann Sommer hat sich seine eigenen gereimten Gedanken passend zum Jubiläumsjahr gemacht. Eine Strophe lautet: „Doch nun hat ihn die Welt entdeckt, //und alles wird nun aufgedeckt, // was er so lebenslang getrieben, // gedacht, getan und aufgeschrieben.“