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Aktuelles | El-Kothany, Helga | 11.03.2021

März-Stammtisch: Historischer Moment für Historischen Verein

Erster Online-Stammtisch des Zabergäuvereins präsentiert einen Pass-Krimi und eine außergewöhnliche Frau

 

Seit letztem Oktober ruhten die Aktivitäten des Zabergäuvereins. Es gab keine geselligen Stammtische mit interessanten Vorträgen, die Jahreshauptversammlung konnte nicht abgehalten werden, die jährliche Geburtstagsfeier im Dezember nicht stattfinden. Schon vor der Sommerpause 2020 mussten wegen der Pandemie einige Veranstaltungen abgesagt werden.
Zu viele, findet die zweite Vorsitzende des Vereins, Heidrun Lichner, und entschlossen, auch in einem historischen Verein neue Wege zu beschreiten.
Nach dem Zoom-Meeting des Vorstands ist klar: Was in der kleinen Gruppe funktioniert, funktioniert auch im Großen. Und so findet am 3. März der erste Online-Stammtisch statt. „Ein historischer Stammtisch“, wie Heidrun Lichner augenzwinkernd den 14 Teilnehmern, die sich dem „Abenteuer“ angeschlossen haben, darunter der 87-jährige Günter Walter, in der Begrüßung mitteilt. Es fehlt zwar das „Viertele“ oder vorab ein sri-lankisches Curry aus der „Weinsteige“, aber dafür hat sich Referentin Heidrun Lichner für den „Versuchsabend“ eine außergewöhnliche Frau ausgesucht: Viola von Sternenfels.
Seit Jahren beschäftigt sich die Heimatforscherin mit der Familie von Sternenfels und stößt bei ihrer Recherche auf ein Porträt, das Viola 1914 von Charlotte, der letzten württembergischen Königin, gemalt hat.
Königin Charlotte, 1914, 2. Ehefrau von König Wilhelm II
Das Interesse ist geweckt, und die Nachforschungen führen zu einem Pass-Krimi in einer Zeit, in der geradezu eine Spionagephobie herrscht. Die Geschichte beginnt 1916, noch im Königreich Württemberg, und endet 1919, dann schon in der Weimarer Republik.
Die emanzipierte, junge Viola, eine Porträtmalerin mit Ausbildung in München, 1908 noch im Königreich Bayern, muss den Beamten suspekt erschienen sein. Geboren 1883 im englischen Manchester besitzt sie als Tochter des Schweizers Alfred Wenner und seiner österreichischen Ehefrau Malvine geb. Eglorr von Engweilen bereits drei Nationalitäten. Durch ihre Eheschließung 1911 mit dem württembergischen Kammerherrn Adolf Freiherr von Sternenfels, Rittmeister z.D., erlischt die österreichische Nationalität, dafür erwirbt sie die württembergische.
Um die versprochene Apanage von ihrer in England lebenden Mutter zu erhalten, die durch den ersten Weltkrieg nicht transferiert werden kann, bittet sie im November 1916 die Königliche Stadtdirektion Stuttgart um einen Reisepass nach Zürich, um dort ihre finanzielle Situation zu klären –  der Startschuss für einen Pass-Marathon durch Ministerien, Armee, Polizeibehörden.
Erst 1918 werden keine Bedenken mehr gegen eine einmalige Reise in die Schweiz erhoben, zumal sie ärztliche Zeugnisse über ihre sehr schwer erkrankte Schwester dort einreichen kann. Eines der letzten Papiere im Staatsarchiv Ludwigsburg ist in Bern im Deutschen Konsulat im Juni 1919 abgestempelt.
Für Günter Walter ist die Online-Teilnahme sehr „intensiv“: „Man ist nicht vom Viertele abgelenkt.“ Hans Gerstenlauer fühlt sich dagegen zu Hause eher abgelenkt, und er vermisst die Geselligkeit. Hedi Fischer ist von Viola begeistert, die sich in dieser von Männern beherrschten Zeit nicht von ihrem Ziel abbringen lässt. Der Veranstaltung spricht sie zudem ein „dickes, fettes Lob“ aus dafür, „neue Wege in diesem traditionsreichen Verein zu gehen.“  el