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Aktuelles | El-Kothany, Helga | 13.04.2021

April-Stammtisch: Hölderlin - Corona Extra

Nach dem Einblick in die Ära Hölderlins in Lauffen durch Eva Ehrenfeld im letzten Oktober hat die Künstlerin Ursula Stock beim Online-Stammtisch im April ihren Zyklus von 36 Bildern vorgestellt, in dem auch sie sich mit dem Leben des Dichters anlässlich seines 250. Geburtstages im Corona-Jahr auseinandergesetzt hat: Corona Extra.
Bereits als Schülerin am Stuttgarter Hölderlin-Gymnasium habe sie sich für den außergewöhnlichen Dichter interessiert, erzählt die seit Jahrzehnten im Zabergäu lebende Künstlerin den sowohl an Malerei wie an Literatur interessierten Gästen, die sich per Zoom zugeschaltet haben.
In ihren Porträts, die auf den ersten Blick wirken wie mit leichter Hand gefertigte Bleistiftskizzen, offenbaren sich bei näherer Betrachtung eine Fülle Details über Hölderlins Leben und Werk. Unterschiedliche Eigenschaften, Lebensabschnitte, Zitate aus seinen Werken. Seine Verbindungen zu berühmten Zeitgenossen wie Goethe, Schiller oder Beethoven lassen sich ebenso finden und werden ausführlich erläutert.
Mal blickt man in ein leeres Auge oder Augen in einer Unendlichkeitsschleife, mal hängt sein Porträt „heilig trauernd im Gebälk“ des Lauffener Museums, mal verwirren ein gespaltener Schädel oder Hände mit überlangen Fingernägeln, die an Struwwelpeter erinnern, mit denen er ein Piano zertrümmert. Mit den erhellenden Erklärungen der Künstlerin entsteht ein eindrucksvolles Bild dieses außergewöhnlichen Dichters.
Hölderlin – genial, aber missverstanden, oder geisteskrank? Geprägt durch ein schwieriges Verhältnis zur Mutter, unglücklich verliebt in die verheiratete Susette Gontard, die er als „Diotima“ in seinem Werk verewigt. Ein Idealist, der die Welt zum Guten verändern möchte, der sein Äußeres jedoch mit der Zeit verkommen lässt. Jahrelang ein Wanderer, selbst in Wintermonaten wochenlang zu Fuß unterwegs, dann nach einem Aufenthalt in der Autenriethschen Klinik, einer Irrenanstalt, als unheilbar Entlassener 36 Jahre lang liebevoll betreut bei Familie Zimmer in Tübingen.
Ein Bild zeigt das Dreigestirn Hölderlin, Hegel und Schelling, Maulbronner Stiftler und junge Idealisten, die ein Reich Gottes der Liebe und Schönheit auf Erden errichten wollen.

Das, das gibt erst dem Menschen seine ganze Jugend, dass er Fesseln zerreißt.         Das, das gibt erst dem Menschen seine ganze Jugend, dass er Fesseln zerreißt.
„Griechischen Kopfsalat“ nennt Ursula Stock eine Zeichnung, auf der aus einem zersplitterten Kopf griechische Buchstaben purzeln. Im Hintergrund erkennbar ein Teil der griechischen Küste. Fügt man die Buchstaben zusammen, ergeben sie das Wort „Hyperion“, Hölderlins einzigen Roman. Dazu ein Zitat aus einem Gespräch Hyperions mit Diotima: „…dass er Fesseln zerreißt.“


Verwoben mit dem Profil von Diotima ist sein Roman "Hyperion", den er ihr mit den Worten „Wem sonst als dir“ widmet und dazu die wunderschöne Liebeserklärung „Ich würde Jahrtausende lang die Sterne durchwandern, in alle Formen mich kleiden, in alle Sprachen des Lebens, um dir einmal wieder zu begegnen. Aber ich denke, was sich gleich ist, findet sich bald.“
Nicht fehlen darf Hölderlin als Rückenakt, gemeinsam mit Susette, monumentalisiert auf dem Lauffener Kreisel. Ein Körper schön wie Apoll, mit dem man den Dichter bereits in Maulbronn verglichen hatte. Auch dieses Bild der Künstlerin voller versteckter Symbolik.
Das berühmte Porträt des Dichters von Franz Carl Hiemer verschmilzt mit dem neuesten Bildnis von Massimiliano Pironti. Und da sich der Zyklus ja „Corona extra“ nennt, bekommt Hölderlin auch einen Corona-Orden „angesteckt.“ Schließlich zitiert Ursula Stock noch Paul Celan, dessen Lyrik von Hölderlin beeinflusst ist und der ein Gedicht „Corona“, ein Sternbild, geschrieben hat, „Es ist Zeit, dass es Zeit wird“, und beendet den Abend in kleiner Abänderung: „Es ist Zeit, dass ich aufhöre.“
Man hätte noch lange zuhören können.