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Aktuelles | El-Kothany, Helga | 10.05.2021

Mai-Stammtisch: Beeindruckende Lebensgeschichten zweier – fast – vergessener Genies

Hedwig Fischer stellt beim Stammtisch des Zabergäuvereins Tobias Mayer und Johann Ballier vor


Alexander und Wilhelm von Humboldt dürften als Forscher beziehungsweise Universitätsgründer bekannt sein. Aus dem Mathematikunterricht erinnert man sich vielleicht auch noch an Carl Friedrich Gauß und seine Glockenkurve. Zudem sind sie die Hauptpersonen in dem Bestseller „Die Vermessung der Welt“ von David Kehlmann.
Doch wer kennt Tobias Mayer? Wer kennt sein Elternhaus und das ihm gewidmete Museum in Marbach?
Hedwig Fischer, Studentin der Geschichte der Naturwissenschaften und Technik sowie Kunstgeschichte, sei, wie sie beim Online-Stammtisch des Zabergäuvereins erzählt, selbst „zufällig ins Museum gestolpert.“ Fasziniert von dem weitgehend unbekannten Astronomen, Kartographen, Schriftenstecher, Landvermesser und Physiker, der es als Autodidakt zur Professur an der Universität Göttingen schafft, präsentiert sie den knapp 20 Teilnehmern aus dem Zabergäu bis nach Norwegen dessen beeindruckende Biografie.


Mit sechs Jahren liest der kleine Tobias bereits die Bibel und lernt von in Marbach einquartierten Offizieren, wie man Mauern baut, die Kanonen standhalten.
Mit 14 Jahren ist er Vollwaise und lebt fortan in einem Waisenhaus in Esslingen. Er besucht die Latein- und die deutsche Schule und findet im Bürgermeister und in einem Schuster zwei Protegés, die ihm Geld für Bücher geben. Bald beginnt er, jeden Winkel in Esslingen zu vermessen und erstellt den ersten genauen Stadtplan, der bis heute noch stimmt.
Doch bald kommt er an die Grenzen dessen, was er lernen kann – und verfasst mit 18 Jahren sein erstes Buch über Geometrie, danach den „Mathematischen Atlas“ sowie ein Werk über Kriegsbaukunst.
Es folgen eine Lehre als Schriftenstecher in Augsburg und eine Anstellung beim Nürnberger Landkartenverlag „Homanns-Erben“, den er mit 30 neuen, exakten Karten vor dem Ruin rettet.
1751 erfolgt der Ruf an die Universität Göttingen.
Sein bis heute noch gültiges Werk sind seine Mondtabellen, mit deren Hilfe man auf See die geografische Länge bis auf 0,5° genau berechnen kann. Um die Mondbewegung präzise bestimmen zu können, hat er den Repetitionskreis konstruiert. Von Gehilfen lässt er den Mond an verschiedenen Orten der Welt beobachten.


Nach seinem Tod 1762 schickt seine Witwe die Berechnungen ans britische Parlament, das mit dem „Act of Longitude“ ein Preisgeld ausgeschrieben hat für eine Möglichkeit, die Seefahrt sicherer zu machen. Posthum wird Mayer ein Teil des Längenpreises verliehen, und seine Witwe bekommt ein Vermögen ausbezahlt, von dem sie leben kann.
Aber nicht nur Mayer hat die Referentin beeindruckt, auch der durch eine Nachlassakte im Michelbacher Archiv wiederentdeckte Schulmeister aus Ditzingen, Johann Ballier. 1781 wie Mayer in eine arme Familie geboren, spart auch er sein Geld für Bücher und bildet sich weiter – ein Verhalten, das auf wenig Verständnis in seiner Umgebung stößt. Bei einem Schulmeister geht er in die Lehre und kommt über mehrere Stationen nach Michelbach. Auch er ist ein Perfektionist, der mit den Büchern nicht zufrieden ist und sie lieber selbst schreibt. Er vermisst Winkel und Flächeninhalte und verfasst ein Werk über die Landvermessung, „Theoria Longimetria.“

 

Eine große Karriere bleibt ihm versagt. Während er „im Ländle“ bleibt, wird Mayer im „Ausland“ zu einem der bedeutendsten Wissenschaftler seiner Zeit.
Beide werden nur 39 Jahre alt.
https://tobias-mayer-museum.de