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Aktuelles | El-Kothany, Helga | 13.07.2021

Juli-Stammtisch: Zwei Zwangsarbeiter in Bönnigheim

Etwa 20 interessierte Zuhörer nahmen online am Juli-Stammtisch des Zabergäuvereins teil, dem letzten Stammtisch vor der Sommerpause.
Der Heimatforscher Kurt Sartorius berichtete über das Schicksal zweier ehemaliger Zwangsarbeiter in Bönnigheim während des Zweiten Weltkriegs: Hryhorij „Gregor“ Sabadasch aus der Nähe von Kiew und Tadeusz „Tadek“ Scostka aus Polen. Zwei von Tausenden, die damals oft auf der Straße aufgegriffen und nach Deutschland verschleppt wurden, um in der Rüstungsindustrie oder in der Landwirtschaft die Männer zu ersetzen, die an der Front kämpften oder bereits gefallen waren. Viele hatten nicht einmal die Möglichkeit, sich von der Familie zu verabschieden oder ein paar Kleidungsstücke einzupacken. „Das menschenverachtende System der Nazi-Diktatur zeigte sich auch in dieser Zwangsarbeit.“
Gregor und Tadek hatten nicht nur das Glück, fast wie Familienmitglieder aufgenommen zu werden – was bei Strafe verboten war. Es besteht auch Kontakt zwischen ihnen respektive ihren Nachkommen zu den Familien der damaligen Arbeitgeber.
Wegen einer Anfrage im Jahr 2011 von Gregors Enkel Mykola beim Rathaus Ludwigsburg nach Adolf Hafendörfer aus Bönnigheim suchte man bei Kurt Sartorius Rat. Es entstand ein lebhafter E-Mail-Wechsel zwischen Bönnigheim und Kiew – auf Deutsch! Sartorius erfuhr von Adolfs Sohn Hermann, dass sein Vater aus dem Krieg zurückgekehrt war und konnte damit Gregor beruhigen, der sich in all den Jahren diese Frage immer wieder gestellt hatte.

Gregor

Gregor

 

Für Sartorius war der Kontakt der Startschuss, nachzuforschen und zu sammeln, was aus dieser Zeit über die Zwangsarbeiter noch existiert.
An die Familie, wo er mit am Tisch essen durfte, hatte Gregor noch viele gute Erinnerungen. Bei ihnen fühlte er sich wohl. Er erkannte noch Gebäude auf Bildern, die Sartorius nach Kiew schickte, und er erinnerte sich gut an Gottfried Hafendörfer, der ihm manchmal statt Most etwas Wein in die Flasche füllte. „Mein Großvater war so unglaublich dankbar diesem alten Mann gegenüber“, schrieb Mykola.
Gregor erlangte sogar eine gewisse „Berühmtheit“, als sich herumsprach, dass er Uhren reparieren konnte. Beide Bönnigheimer Uhrmacher waren nämlich schon an der Ostfront gefallen.
Am 17. Januar 2012 starb Gregor 88-jährig.

Auch Tadek kann sich noch an vieles erinnern. Als er verschleppt wurde, war er erst 13 Jahre alt. In Bönnigheim wurde er dem landwirtschaftlichen Betrieb der Witwe Marie Altmann und deren Tochter Marie zugeteilt. „Des isch ja no a Bua“, sagte Hilde, als der Junge ankam. Er wurde als „Strafe“ für seine ältere Schwester verschleppt, die selbst als Zwangsarbeiterin in Deutschland war und die die Erlaubnis, zur Beerdigung der Eltern nach Polen zu fahren, nutzte, um dort unterzutauchen. Für Tadek war die Strafe nicht so schlimm, da in seinem Dorf Armut und Hunger herrschten.
Er war geschickt, lernte schnell Deutsch, das er heute noch verständlich spricht und schreibt.

Als die Franzosen einmarschierten, stand er plötzlich auf der „Siegerseite.“ Seinen französischen Befreiern erzählte er: „Mir ging es gut.“
Bis heute besteht der Kontakt. 1986 besuchte er Karl und Hilde Krieg geb. Altmann, und Hilde besuchte ihn und seine Familie in den 90er Jahren in Breslau. Seit Hildes Tod 2003 führt Sohn Rolf Krieg den Briefwechsel mit Tadek weiter und hat ihn 2009 und 2017 auch schon besucht.

Tadek bei der Feldarbeit - mit Heugabel


In seinem Garten hat er Weinstöcke gesetzt und macht jedes Jahr seinen eigenen Wein. „Das habe ich alles von Marie und Hilde in Bönnigheim gelernt.“

Zwei Beispiele, die auch im beschaulichen Zabergäu leider nicht die Regel waren, wie die vielen Beiträge der Teilnehmer im Anschluss an den Vortrag zeigten.
In Cleebronn gab es eine standrechtliche Erschießung wegen des Verdachts auf zwischenmenschliche Kontakte.
Gut ging es Klara aus St. Petersburg bei Familie Keller in Leonbronn. Erst als sie bei NSU arbeiten musste, ging es ihr so schlecht, dass sie von ihren vorherigen Arbeitgebern mit Lebensmitteln unterstützt wurde.
Kurt Sartorius konnte sie gemeinsam mit einer Gruppe aus Bönnigheim und einer russischen Deutschlehrerin zu Hause besuchen. Gemeinsam konnten sie sogar noch schwäbische Volkslieder singen.
Viele der Arbeiter sind in Deutschland gestorben und hier beerdigt. Ihre Gräber stehen unter demselben Schutz wie Kriegsgräber. Ihnen möchte Kurt Sartorius ihre Identität zurückgeben, stößt jedoch bei Behörden wegen „Datenschutz“ auf wenig Kooperation.
In einer Mail schrieb Mykola: „Hitler und Stalin haben zusammen schreckliche Verbrechen gemacht. Sie beide haben den Zweiten Weltkrieg ausgelöst und gewöhnliche Menschen aufeinandergehetzt. Die Menschen, die statt einander totzuschlagen, Freunde sein könnten wie jetzt.“